„Ärztin, wie konnte sich an meinem Fuß so eine große Wunde bilden, ohne dass ich etwas gespürt habe?“ Diese erschrockene Frage hört Frau Song Shuhua, Oberärztin und Leiterin der Ambulanz des Lanzhou Ruijing Diabetes Hospitals, in ihrer Sprechstunde häufig. Der Winter ist die Hochsaison für das diabetische Fußsyndrom. Viele Patienten suchen wegen einer scheinbar kleinen Verletzung am Fuß einen Arzt auf und müssen feststellen, dass bereits eine schwerwiegende Infektion vorliegt, die sogar das Risiko einer Amputation birgt.

Bild


Angesichts dieser gefürchteten Komplikation von Diabetes betont Oberärztin Song Shuhua stets mit Bedauern: „Das diabetische Fußsyndrom tritt nicht plötzlich auf. Es gibt eine eindeutige Vorstufe – den diabetischen Risikofuß. Wenn wir in diesem Stadium frühzeitig erkennen und entschlossen eingreifen, können die meisten Tragödien verhindert werden.“


01

Stille Warnsignale: Den diabetischen Risikofuß verstehen


Viele Diabetiker konzentrieren sich nur auf ihre Blutzuckerwerte und übersehen die frühen Warnsignale ihrer Füße. Das diabetische Fußsyndrom ist das Ergebnis eines langfristig erhöhten Blutzuckerspiegels, der zu Neuropathie und peripheren arteriellen Verschlusskrankheiten in den unteren Extremitäten führt. Es entwickelt sich nicht über Nacht, sondern ist ein fortschreitender Prozess.

Bevor es zu Geschwüren oder Gangrän am Fuß kommt, durchläuft der Patient ein kritisches Zeitfenster – die Phase des „diabetischen Risikofußes“. In dieser Phase verspüren Patienten möglicherweise nur Taubheitsgefühle, Kältegefühl oder ein kribbelndes Gefühl wie Ameisenlaufen in den Füßen. Die Wahrnehmung von Kälte, Wärme oder Schmerz kann beeinträchtigt sein.


Die größte Gefahr liegt genau in dieser „Unempfindlichkeit“, erklärt Oberärztin Song Shuhua. Da die sensiblen Nerven geschädigt sind, bemerken Patienten Verletzungen am Fuß – etwa durch scheuernde Schuhe, Verbrühungen durch heißes Wasser oder Einstiche durch Fremdkörper – oft gar nicht. Kleine Wunden entzünden und verschlimmern sich in der durch Minderdurchblutung und hohen Zuckerspiegel geprägten Umgebung极易 leicht und können schließlich außer Kontrolle geraten.


Daher ist die Erkennung, ob man sich bereits im Stadium des „Risikofußes“ befindet, der entscheidende erste Schritt zur Prävention des diabetischen Fußsyndroms. Glücklicherweise gibt es eine einfache und effektive Methode, die zu Hause durchgeführt werden kann.

02

Einfacher Selbsttest: Screening des Risikofußes mit der 4-Punkte-Methode


Oberärztin Song Shuhua erläutert, dass der international gebräuchliche „10-Gramm-Nylon-Monofilament-Test“ der Goldstandard zur Erkennung der diabetischen peripheren Neuropathie und des Risikofußes ist. Seine Genauigkeit und sein prädiktiver Wert sind durch zahlreiche Studien belegt. Patienten können diesen Test problemlos zu Hause selbst durchführen.


Das benötigte Hilfsmittel ist simpel: ein standardisiertes 10-Gramm-Nylon-Monofilament (erhältlich bei der endokrinologischen Abteilung eines Krankenhauses oder bei Podologen). Falls nicht verfügbar, gibt es Alternativen, beispielsweise: eine einzelne Kunststofffaser aus einem kleinen Bettenkescher oder eine feine Borste aus einer Rasierer-Reinigungsbürste, deren Härte ungefähr 10 Gramm Druckkraft entspricht.


Die Teststellen sind entscheidend: Bitte suchen Sie die folgenden vier spezifischen Stellen an der Fußsohle auf. Dies sind die am stärksten belasteten und für Geschwüre anfälligsten Bereiche:

Bild

  1. Die Fußsohle unter der Großzehe
  2. Der erste Mittelfußkopf (die ballenförmige Erhebung an der Basis der Großzehe)
  3. Der dritte Mittelfußkopf (Mitte des Fußballens)
  4. Der fünfte Mittelfußkopf (die ballenförmige Erhebung an der Basis der Kleinzehe)

Korrekte Testdurchführung: Lassen Sie sich von einer assistierenden Person helfen und schließen Sie die Augen. Das Monofilament wird senkrecht auf die Teststelle aufgesetzt und mit Druck versehen, bis es sich zu einem „C“ biegt. Halten Sie den Druck für 1–2 Sekunden. Es geht einzig darum, den Druck der Berührung wahrzunehmen, nicht darum, zu raten.


Interpretation des Ergebnisses: Jede Stelle wird dreimal getestet. Wenn Sie an irgendeiner dieser Stellen bei mehr als zwei Versuchen keinen Druck spüren, deutet dies stark darauf hin, dass Ihr Fuß sich im „Risikofuß“-Stadium befindet und das Schutzempfinden bereits nachgelassen hat oder ausgefallen ist.

Bild


Unterschätzen Sie diesen einfachen Test auf keinen Fall“, warnt Oberärztin Song Shuhua ernst. „Er kann das Risiko für die Entwicklung von Fußgeschwüren in der Zukunft wirksam vorhersagen. Ein auffälliges Ergebnis ist eine Warnung Ihres Körpers, die sofortiges Handeln erfordert.“

03

Professionelles Vorgehen: Was tun bei Feststellung eines Risikofußes?


Falls Ihr Selbsttest auffällig ausfällt, geraten Sie nicht in Panik, aber nehmen Sie es auch nicht auf die leichte Schulter. Oberärztin Song Shuhua empfiehlt ein klares Vorgehen:


Schritt 1: Sofortige fachärztliche Bewertung einholen. Suchen Sie umgehend die endokrinologische Abteilung eines Krankenhauses oder eine spezielle diabetische Fußambulanz auf. Der Arzt wird umfassendere Untersuchungen durchführen, einschließlich Tests für Vibrationsempfinden, Temperaturempfinden und den Achillessehnenreflex, sowie den Zustand der Blutgefäße in den Beinen beurteilen (z.B. mittels Knöchel-Arm-Index), um das Ausmaß der Schädigung festzustellen.


Schritt 2: Professionelle Aufklärung und Anleitung zur Fußpflege erhalten. Lernen Sie die richtigen Methoden zum Waschen, Abtrocknen und Schneiden der Zehennägel. Informieren Sie sich über die Auswahl geeigneter Schuhe und Socken (weit, atmungsaktiv, nahtfrei, glatt im Innern).


Schritt 3: Einführung und konsequente Durchführung einer täglichen Fußinspektion. Dies muss zur täglichen Routine werden, wie das Blutzuckermessen. Untersuchen Sie täglich bei gutem Licht Ihre Füße und Zehenzwischenräume auf Rötungen, Blasen, Verletzungen, Schwielen oder Farbveränderungen. Falls Sie schlecht sehen, benutzen Sie einen Spiegel oder bitten Sie Familienmitglieder um Hilfe.

04

Winterliche Spezialpflege: Dem diabetischen Fuß einen „Schutzanzug“ anziehen


Im Winter ist der Schutz des diabetischen Fußes aufgrund des trockenen, kalten Klimas und der damit verbundenen Gefäßverengung besonders wichtig. Oberärztin Song Shuhua hat spezielle winterliche Fußpflege-Tipps für Diabetes-Patienten zusammengestellt:


1. Füße mit lauwarmem Wasser waschen, nicht einweichen oder überhitzen. Waschen Sie Ihre Füße täglich mit lauwarmem Wasser unter 37°C für maximal 10 Minuten. Prüfen Sie die Wassertemperatur mit dem Ellbogen oder einem Thermometer, niemals mit dem Fuß. Trocknen Sie Ihre Füße nach dem Waschen sanft mit einem weichen, saugfähigen Handtuch in heller Farbe ab, besonders zwischen den Zehen.


2. Feuchtigkeitspflege, um Rissen vorzubeugen. Trockene Fußhaut neigt zu Rissen. Tragen Sie nach dem Waschen Harnstoffsalbe oder eine Feuchtigkeitscreme auf, um die Feuchtigkeit zu bewahren, aber vermeiden Sie die Zehenzwischenräume.


3. Gründlich warmhalten, Wärmequellen fernhalten. Tragen Sie warme Baumwollsocken und bequeme Schuhe. Absolut tabu ist die direkte Anwendung von Wärmflaschen, Heizkissen oder Heizstrahlern an den Füßen, da aufgrund des verminderten Empfindens leicht Verbrennungen entstehen können.


4. Die Wahl von Schuhen und Socken ist entscheidend. Wählen Sie Schuhe mit weichem Obermaterial, ausreichendem Platz und guter Belüftung. Prüfen Sie vor dem Anziehen stets, ob sich Fremdkörper im Schuh befinden. Socken sollten hell, nahtfrei und aus atmungsaktivem Baumwollmaterial sein, um Sekret oder Blutspuren sofort erkennen zu können.


5. Durchblutung fördern. Unter ärztlicher Anleitung können Sie nicht-belastende Übungen durchführen, wie Fußpumpen-Übungen (Fuß anziehen und strecken), um die Durchblutung in den Beinen zu verbessern. Vermeiden Sie beim Sitzen das Überschlagen der Beine, um Blutgefäße nicht abzudrücken.



Oberärztin Song Shuhua fasst abschließend zusammen: „Das Diabetes-Management darf sich nicht nur auf das Blutzuckermessgerät konzentrieren. Ihre Füße sind ein Spiegel für den Gesundheitszustand Ihrer Blutgefäße und Nerven im gesamten Körper. Ein einfacher Selbsttest und tägliche Sorgfalt können eine starke Verteidigungslinie gegen das diabetische Fußsyndrom aufbauen.