Fiebersenkende Mittel dienen in erster Linie nicht dazu, das Fieber zu senken, sondern das Kind im „Kampf“ gegen die Krankheit wohler zu fühlen.
Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, als mein Baby Fieber hatte – bei uns zu Hause herrschte absolute Panik. Die Zahl auf dem Fieberthermometer spannte sich wie ein überstraffter Draht durch die ganze Familie: 38,5 °C! Mein erster Gedanke: Die Temperatur muss sofort runter! Für mich bedeutete Fiebersenkung gleich Gesundheit.
Hektisch kramte ich das Fiebermittel hervor, dosierte millilitergenau nach Körpergewicht und maß alle zehn Minuten nach, während ich stumm betete: „Runter, bitte runter!“ Nach einer halben Stunde zeigte das Thermometer nur 38 °C – weit entfernt von meinem Wunschwert. Sofort zweifelte ich: Wirkt das Medikament überhaupt? Soll ich nachdosieren? Ohrfeigenartig schlug mir die Frage entgegen: Wie bringe ich die Zahl endlich auf 37 °C?
Viele Eltern kennen diese Angst. Wir fürchten, das Fieber könne unser Kind „verbrennen“, und machen die Temperatur zur alleinigen Gegnerin, die es zu besiegen gilt.
Bei einem späteren Krankenhaus-Besuch rückte der Kinderarzt meine Sichtweise gerade. „Stellen Sie sich vor“, sagte er, „das Fieber ist wie eine Klimaanlage, deren Sollwert höher gestellt wurde. Der Körper kämpft; die erhöhte Temperatur macht die Umgebung für Viren und Bakterien ungemütlich. Ein Fiebermittel schaltet die Anlage nicht aus, es senkt nur vorübergehend das Thermostat, damit das Kind weniger leidet. Ziel ist nicht 36 °C, sondern Wohlbefinden, Schlaf und Flüssigkeitszufuhr.“
Diese Worte kippten mein Weltbild. Ich hatte nur das „Thermometer-Kind“ im Blick, nicht das echte.
Beim nächsten Fieber versuchte ich, meine Panik zu zügeln. Ich setzte mich neben mein Kind, prüfte mit der Hand seine Extremitäten, beobachtete, ob es lethargisch war oder noch ein Bilderbuch anschauen wollte, und bot Wasser an. Die Temperatur blieb eine Weile bei 38 °C, doch die Stirn glättete sich, der Atem wurde ruhig, und es trank gierig. Als es sich an mich kuschelte und einschlief, begriff ich: Das Mittel wirkt – nicht wegen der Zahl, sondern weil mein Kind sich wohler fühlt.
Irrwege gehören dazu. Großmutters „Einmummeln bis zum Schwitzen“ steigerte das Fieber. Alkohol-Abbreibungen verschaffen kurzes Kühlen, können aber über die dünne Kinderhaut toxisch wirken und durch Frösteln die Wärmeproduktion erhöhen. Auch die Forderung „gleich Antibiotika“ hörte ich oft. Doch die meisten Kinderfieber sind viral – Antibiotika helfen nicht, schädigen die Darmflora und bergen später Resistenzrisiken.
Uns verbleiben zwei evidenzbasierte Optionen: Paracetamol und Ibuprofen. Dosis immer nach Körpergewicht, nie nach Alter; das beiliegende Messbecher- bzw. Dosiersystem ist verlässlicher als ein Küchenlöffel. Geduld: 30–40 Minuten bis zur Wirkung sind normal.
Gleichzeitig muss man Alarmzeichen kennen: Fieber bei Säuglingen <3 Monate, Bewusstseinstrübung, zyanotische Hautfarbe, Tachypnoe, anhaltendes Erbrechen/Trinkverweigerung mit Oligurie – hier sofortige ärztliche Vorstellung.
Heute richte ich den Blick auf mein Kind, nicht auf das Display. Ein entspannter Seufzer, ein ruhiger Schluck, ein ungestörtes Umdrehen – das sind die Parameter, die zählen. Meine Aufgabe: ein kühler, luftiger Raum, leichte Baumwollkleidung, angebotene Schluckmahlzeiten, lauwarme Kompressen, wenn sie gefallen, und viel Nähe. Ich bin die Logistik, nicht der Kommandeur.
Wenn Sie gerade vor einem fiebernden Kind sitzen: Fiebersenkende Medikamente sind Helfer für Wohlbefinden, keine „Null-Punkt-Werkzeuge“. Vertrauen Sie auf das eigene Kind als besten Indikator. Elternsein ist ein Lernprozess – mit Wissen statt Angst und mit einem kühlen Kopf sowie warmen Armen gemeinsam durch die ungemütlichen Stunden.